Hinweise für Chorleiterinnen und Chorleiter

Man kann schon sagen, dass zwischen uns und Heinrich Schütz ein „garstiger Graben“ liegt, nämlich der von mehr als drei Jahrhunderten, in denen sich musikalische Aufführungspraxis, Hörgewohnheiten und Geschmack enorm geändert haben. Dennoch ist gerade Heinrich Schütz als „Vater der deutschen Musik“ nie aus dem Blick geraten und immer hochverehrt geblieben. Seine Musik galt späteren Komponisten als Vorbild und das Singen seiner Werke kann uns auch heute tief berühren. Die Psalmen in seiner Vertonung brauchen als gesungene Gebetstexte einige Zeit der Verinnerlichung und Wiederholung, damit sich ihre Schönheit erschließt.

Darum folgende Empfehlungen für die Annäherung:

  1. Jeder Psalm hat seinen durchgehenden Puls, aber kein Metrum, also kein immer gleiches Betonungsmuster von „schwer – leicht“. Die rhythmische Gestalt der Melodien wird dadurch lebendig, dass Betonungen wechseln. Unsere „Schlagfiguren“ mit regelmäßig wiederkehrend betonter „1“ kann man darum nur sehr zurückhaltend verwenden.
  2. Schütz selbst hat gar keine Takte definiert. Seine Melodieabschnitte sind taktlos immer genau so lang wie ein Abschnitt des Psalmtextes. Wenn wir hier in unseren Noten ganz vorsichtig mit Mensurstrichen eine Taktstruktur andeuten, dann nur, um den Dirigierenden die Option einer Orientierung anzubieten. Die ist nicht verbindlich, stellt nicht die einzige Lösung dar und ist oft nicht für alle Strophen gleich geeignet.
  3. Annäherung: Sing die Melodie ohne Text, evtl. unter Zuhilfenahme eines Instruments, und gebe Dir selbst dazu den gleichbleibenden Puls. Sehr schnell ist dabei die „polyrhythmische“ Gestalt zu spüren. Jetzt kommt der Text hinzu und erfährt interessante Hebungen und Schwünge. Seine „Taktlosigkeit“ öffnet den Raum, macht ihn weit. Von Strophe zu Strophe werden unterschiedliche Zieltöne oder Abphrasierungen deutlich; es gibt keine immer gleichen oder „richtigen“ Betonungen. Der Gesang gewinnt dadurch etwas Schwebendes, Beschwingtes, die Sprache Belebendes. Beispiel: Ps. 89 / Strophe 1 in Zeile und Zeile 2
  4. Es wäre nicht Schütz, wenn der Text in den unterschiedlichen Stimmen des vierstimmigen Satzes nicht hin und wieder rhythmisch unterschiedlich behandelt würde. So provoziert der Duktus der Musik quasi einen Konflikt mit dem Duktus der Sprache. Die Ausführenden sollen in großer Wachheit lebendige Lösungen dafür finden. Beispiel: Ps. 113 / Zeile 3
  5. Zum Text sei gesagt, dass wir ihn von Cornelius Becker auch da übernommen haben, wo unsere Sprachgewohnheit davon erheblich abweicht. Gerade dadurch könnte ein neues Hinhören oder ein „Aha“-Erlebnis möglich werden. Wo ein Begriff oder dessen Schreibweise sich gar nicht mehr erschließt, haben wir ihn unserem Sprachgebrauch angepasst, ohne extra darauf hinzuweisen.